Die AC Milan ist raus aus der Königsklasse! Gegen Feyenoord Rotterdam schieden die "Rossoneri" nach einem 1:1 im Playoff-Rückspiel mit einem Gesamtscore von 1:2 aus. Spielbericht >>>
So gefällig die Leistung, speziell im Vergleich zum Hinspiel, gewesen sein mag - das Ausscheiden ist beispielhaft dafür, dass beim Traditionsverein vieles im Argen liegt.
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StartenIn der Serie A belegt Milan derzeit nur Rang sieben, immerhin aber in Schlagdistanz zu Rang vier. Tabelle der Serie A >>>
Auch wenn es unter Neo-Coach Sergio Conceicao dem Champions-League-Aus zum Trotz nun etwas aufwärts geht: Das ist viel zu wenig für die Ansprüche der stolzen "Rossoneri". Die Saison ist eine verkorkste, einzig die Derbys gegen Inter (von den bisherigen drei konnte man zwei gewinnen, eines endete Remis) und ein Sieg in der CL-Ligaphase gegen Real Madrid sorgten für Freude.
Doch woran genau hakt es, welche Fehler wurden in den vergangenen Monaten und Jahren gemacht? LAOLA1 hat sich die Situation zu Gemüte geführt. Das sind die sechs wesentlichen Gründe dafür, dass die Mailänder ihren Ansprüchen aktuell weit hinterherhinken:
1.) Der Rausschmiss von Klub-Ikone Paolo Maldini
Die Aufregung in Mailand war im Sommer 2023 groß, als klar wurde, dass einer der maßgeblichen Architekten des Erfolgs der letzten Jahre gehen muss. Nach der Übernahme des Klubs durch RedBird Capital, angeführt vom nunmehrigen Klubbesitzer Gerry Cardinale, blieb kein Stein auf dem anderen und der Technische Direktor Maldini - die Vereinsikone schlechthin - war eines der ersten Opfer.

Man warf ihm vor, auf dem Transfermarkt schlecht gearbeitet zu haben. Wenig später musste auch Sportdirektor Fredric Massara gehen. Sie beiden formten in Zusammenarbeit mit Ex-Trainer Stefano Pioli aus einem desolaten Milan ab 2019 eine Meistermannschaft, die 2022 den "Scudetto" holte.
Cardinale und Maldini haben nie richtig harmoniert. Maldini wollte den bedachten und über Jahre angelegten Kurs der Entwicklung weiterverfolgen, Cardinale aber wollte den schnellen Erfolg. Der Klubboss warf den langjährigen Kapitän samt seiner rechten Hand Massara kurzerhand raus und köpfte damit die sportliche Abteilung. Mitgeteilt wurde dies in einer dreizeiligen Pressemitteilung. Ein Affront für die Fans.
Gerade in Italien spielen Sentimentalitäten eine gewichtige Rolle. Maldini rauszuschmeißen - und das noch dazu so ungalant - hat auch dem Image des Klubs massiv geschadet. Seit Maldinis Abgang hat sich das Budget verdoppelt - aktuell bei nicht einmal halbem Ertrag.
2.) Die Trennung von Meistercoach Stefano Pioli
Es gab Befürworter und Kritiker der Entscheidung, sich mit Ende der Saison 2023/24 von Stefano Pioli zu trennen. Stand heute lässt sich sagen: Es war ein Fehler. Milan konnte nach seinem Abgang nicht mehr an die letzten Jahre anschließen.
Pioli coachte Milan für vier volle Saisons, in diesen wurde er ein Mal Meister (2022), zwei Mal Vizemeister (2021, 2024) und ein Mal Vierter (2023). Dazu kommt ein Halbfinale in der Champions League 2023.
Er war im Zusammenspiel mit Maldini und Massara maßgeblich dafür verantwortlich, dass aus einer überalterten und leidenschaftslosen Truppe ein Meister geformt werden konnte. Zudem erreichte er den selben Punkteschnitt wie Carlo Ancelotti (beide 1,93; K.o.-Spiele exkludiert). Pioli gelang es, Spieler wie Davide Calabria, Alessio Romagnoli, Rafael Leao und Theo Hernandez zu Top-Stars und wesentlichen Faktoren für den Gewinn der Meisterschaft zu formen.

Seine Mannschaftsführung wurde insbesondere in seiner letzten Saison als zu kumpelhaft kritisiert, was tatsächlich immer wieder zu blutleeren Auftritten führte. Ihm wurde zudem vorgeworfen, das Team taktisch und spielerisch nicht weiterentwickelt zu haben. Die Spiele unter ihm wurden immer unattraktiver, speziell nach dem Abgang von Denker und Lenker Sandro Tonali. Dazu gesellten sich auch defensive Schwächen.
Dennoch gelang es ihm, Milan zum Vizemeistertitel zu führen. Pioli selbst deutete immer wieder an, dass es auch Phasen geben müsse, in denen man das aktuelle Niveau hält, ehe man den nächsten Schritt machen kann. Nur, was man bei einem Spitzenklub eben nicht hat, ist Zeit. Speziell, seit RedBird das Sagen hat.
Am Ende wurde ihm die Vorsaison, in der man in den internationalen Bewerben sowie in der Coppa Italia früh raus war, zum Verhängnis. Der Vizemeistertitel hinter einem überlegenen Inter konnte darüber nicht hinwegtrösten.
Etwas mehr als ein halbes Jahr später wünschen sich nicht wenige einen wie Pioli zurück. Oft weiß man erst zu schätzen, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat.
3.) Die Verpflichtung von Paulo Fonseca
Als Nachfolger von Stefano Pioli wurde Paulo Fonseca von OSC Lille geholt. Spielerisch sollte es unter ihm einen Schritt nach vorne gehen, nachdem Pioli speziell in seiner letzten Saison oft sehr pragmatischen Fußball spielen ließ.
Dieser Gedanke kam bei den anfangs eher skeptischen Fans (Fonseca trainierte einst die AS Roma) naturgemäß gut an. Fonseca hatte die Kurve auch bis zum Ende großteils hinter sich, weil er zeigte, dass er dem Team Feuer unter dem zuvor oft zu bequemen Hinterteil machen will.
(Text wird unter dem Video fortgesetzt)
Abgesehen vom Derbysieg über Inter und dem 3:1 gegen Real Madrid, in denen Milan wirklich überzeugen konnte, blieb die gewünschte Entwicklung aber großteils unsichtbar. Die Fans sehen die Gründe dafür aber eher bei der Mannschaft, als bei Fonseca.
Das Verhältnis zwischen dem Portugiesen und seinem Team war nie das Beste, wie aus dem San Siro zu vernehmen war. Am Ende scheiterte er an seiner Mannschaftsführung, die zu unterschiedlich von jener Piolis war, unter dem sich Milan zur Wohlfühloase entwickelt hatte. Auch das sollte durch die Verpflichtung des strengeren Fonseca gebrochen werden, der Kontrast war am Ende aber zu krass.

Fonseca legte sich öffentlich mit Stars wie Theo Hernandez und Rafael Leao an. Zudem griff er phasenweise das ganze Team medienwirksam an, wie etwa nach dem CL-Spiel gegen Roter Stern Belgrad, was die Kabine mehr und mehr spaltete, anstatt die Spieler anzustacheln.
Auch der schon unter Pioli nicht immer sattelfesten Defensive konnte er nicht die nötige Stabilität verleihen. Er rotierte oft wild durch, fand nie einen Stamm für die Viererkette.
Funktionierte der "Fonseca-Ball" aber einmal, war ersichtlich, welches Potenzial in dem Team steckt. Das gelang aber zu selten. Fonseca selbst betonte glaubhaft, er habe "alles versucht". Das mag so sein, aber nicht immer passt der gekaufte Trainer-Deckel auch zum vorhandenen Mannschafts-Topf.
4.) Die wackelnden Säulen der Meistermannschaft
Einige elementare Säulen aus der Meistermannschaft von 2022 spielen nach wie vor für die "Rossoneri". Keeper Mike Maignan, Theo Hernandez, Rafael Leao und Fikayo Tomori halten bis heute die Knochen für Milan hin.
Sie bildeten gemeinsam mit Franck Kessie, dem erst kürzlich zu Bologna gewechselten Davide Calabria und Alessio Romagnoli das Gerüst des Teams. Sie spielen eine ebenso gewichtige Rolle im Zustandekommen der aktuellen Situation.

Insbesondere Theo und Leao, die - wenn sie ihr Potenzial voll ausschöpfen - wohl die beste linke Seite Europas sein können - fielen in der jüngeren Vergangenheit zu oft durch Extravaganzen und abseits des Feldes auf, anstatt mit Leistung zu glänzen. Was aber nicht nur an den beiden Egozentrikern liegt, sondern auch am geschassten Fonseca, der es im Gegensatz zu Pioli nie wirklich schaffte, die Stärken des Duos in sein System einzubinden.
Keeper Maignan erlebte ebenso schon bessere Tage, leistete sich in dieser Saison auffällig viele Unsicherheiten und Patzer. An ihm alleine liegt es aber natürlich nicht. Denn genauso gab es zahlreiche Situationen, in denen er seinem Team den Allerwertesten rettete.
Tomori, unter Pioli unumschränkter Stammspieler und Abwehrchef, wurde von Fonseca rasiert. Einsätze in der Startelf wechselten sich mit 90 Minuten auf der Bank regelmäßig ab. Da so etwas wie Konstanz in seinen Leistungen zu entwickeln, ist eine Mammutaufgabe. Dennoch passierten ihm zu viele einfach Fehler, die einem selbst bei mangelnder Spielzeit nicht unterlaufen sollten.
Unter Conceicao zeigten aber zumindest Hernandez und Leao wieder in Ansätzen, wozu sie in der Lage sind. Unter dem Neo-Coach arbeitet Leao nun auch endlich defensiv mit. Maignan wurde zum Kapitän ernannt, zumindest in dieser Rolle macht er sich bisher gut.
5.) Die Entscheidungen von "König" Zlatan
Zlatan Ibrahimovic mag ein großartiger Fußballer gewesen sein. Das steht außer Frage. Nach seinem Karriereende 2023 wurde er Chef-Berater von Milan-Eigentümer RedBird und Klubboss Gerry Cardinale.
Seither wird keine sportliche Entscheidung ohne den selbsternannten "König von Mailand" getroffen. Ibrahimovic sollte den Klub sportlich neu ausrichten, hatte Cardinale doch den Sieg in der Champions League als großes Ziel für die nächsten Jahre ausgerufen. Wohin dieses Vorhaben und Zlatans Entscheidungen bisher geführt haben, sieht man.

Ibrahimovic drängte auf die Ablöse von Stefano Pioli und die Verpflichtung von Fonseca. Es war seine erste große Entscheidung als Quasi-Sportdirektor (kaufmännisch wird der Klub von Ex-Bänker Giorgio Furlani geführt) und diese stellte sich als Fehler heraus.
Als Spieler war der selbstbewusste Schwede in seinem Ausgedinge ein wesentlicher Faktor beim Wiedererstarken der "Rossoneri". Mit der gleichen Attitüde geht er an seine nunmehrige Aufgabe heran, bisher mit mäßigem Erfolg. Das führt uns auch zum nächsten Punkt, in den "Ibra" wesentlich involviert ist.
6.) Die chaotische Kader-Politik
Der Transfer-Sommer bei der AC Milan war auffällig ruhig. Er symbolisierte weder den von den Fans erhofften Aufbruch, noch war er es schlussendlich.
Als Ersatz für den zu Los Angeles abgewanderten Stürmer-Haudegen Olivier Giroud holte man Spaniens Teamkapitän Alvaro Morata und Tammy Abraham von der Roma. Beide sollten nicht einschlagen. Hoffnungsträger Morata suchte mittlerweile wieder das Weite und wechselte zu Galatasaray.
Dazu gab man ohne jede Not mit Pierre Kalulu eine Abwehrkonstante der letzten Jahre ab, was für breites Unverständnis sorgte. Ihn sollte Ex-Salzburger Strahinja Pavlovic ersetzen, der unter Fonseca gar nicht funktionierte, sich jetzt unter Conceicao aber langsam fängt.
Mit Youssouf Fofana holte man einen universellen Sechser, dem man bis dato tatsächlich wenig vorwerfen kann. Er ist von den Neuzugängen der mit Abstand konstanteste.

Was Ibrahimovic und Fonseca geritten hat, Emerson Royal als Konkurrenz für den etablierten Rechtsverteidiger Davide Calabria zu holen, wäre spannend zu erfahren. Der Brasilianer offenbarte schon bei Tottenham Schwächen im Spiel gegen den Ball - eigentlich war das genau jene Baustelle, die es zu schließen galt.
Immerhin erkannte Zlatan seine Fehler und reagierte im Winter.
In der Defensive gelang dies mit der Verpflichtung von Kyle Walker. Der langjährige City-Kapitän kann in der Abwehr rechts und innen spielen, er blieb bisher nichts schuldig.
Offensiv bediente sich bei Feyenoord Rotterdam und holte Shootingstar Santiago Gimenez. Der mexikanische Teamspieler geht bisher wie gewünscht auf und lieferte in fünf Einsätzen drei Tore und eine Vorlage.
Auch war im Sommer erwartet worden, dass man endlich die Baustelle auf der Zehner-Position schließt, welche der Abgang des von Real Madrid zurückgeholten Brahim Diaz aufgerissen hat. Fonseca versuchte aber stattdessen, Flügelspieler Christian Pulisic dort zu etablieren - und scheiterte. Auch hier reagierte man im Winter und lieh Joao Felix von Chelsea, der zumindest in Ansätzen zeigt, dass er die erhoffte Verstärkung sein kann. Für ein Urteil ist es aber noch zu früh.
Fazit: Bisher ist die Kaderpolitik von Ibrahimovic chaotisch und erfolglos. So unreflektiert, wie er sich gibt, scheint er aber nicht zu sein. Die Schritte, die man im Winter gesetzt hat, sind durchaus erfolgversprechend. Es wartet aber noch viel Arbeit auf und abseits des Platzes. Das hat das Rückspiel gegen Feyenoord gezeigt.