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Darum laufe ich einen Marathon

Menschen treffen sich um halb sieben in der Früh, damit sie 42 Kilometer laufen können. Das muss man wollen.

Darum laufe ich einen Marathon

Lokalaugenschein, im Vorfeld des Vienna City Marathons. Es ist kurz vor 6:30 Uhr in der Früh in der Wiener Innenstadt vor einem nobel wirkenden Sportstudio. Die Temperatur Ende März ist noch sehr frostig, die Motivation aber hoch. Hier treffen sich die Early Birds. Das ist ein gemeinnütziger Verein, bei dem man ohne Bindung und Entgelt mitlaufen kann.

Trainerin Julia begrüßt alle, die kommen, mit einem aus Corona-Zeiten bekannten Fistbump und für diese Uhrzeit überraschend guter Laune. Nach und nach tröpfeln an die 40 Menschen ein. Fast alle in der modernsten Laufmode der angesagtesten Marken. Offiziell treffen sich bis zu 80 Personen, die Early Birds, die es auch in anderen Städten gibt, sind im Schnitt 20 bis 40 Jahre, Akademiker, das Geschlechterverhältnis beträgt 40:60, also mehr Männer.

Der Autor dieser Zeilen läuft übrigens selbst sehr gerne, auch weit. Den Halbmarathon hat er einmal in 1:42 Stunden absolviert. Dennoch: Laufen muss man wollen. Vor allem um diese Uhrzeit, und das mag der Autor eben eher wenig.

Warum hopsen hier Menschen?

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Die Stadt schläft noch, aber irgendeinen Vogel kann man beim Wurmfangen nerven

Zwei Boomboxen werden aufgestellt und Julia leitet das Aufwärmtraining an. Wir stehen auf der Straße und der eine oder andere Autofahrer fährt etwas verwundert und im Auto an der Zigarette ziehend an den hopsenden, sich drehenden und windenden Körpern vorbei.

Danach geht es ab zum Donaukanal, laufend versteht sich. Unten angekommen teilt sich die Gruppe in drei Teile: Einige machen Hyrox-inspirierte Läufe an der Rampe, die den Kai mit der Flaniermeile verbindet, die ganz motivierten machen 15 Intervall-Einheiten. Alle anderen laufen fünf schnelle Kilometer in 4:20 bis 4:30, mit etwas langsamen Gehen dazwischen. Wer schon einmal Intervalltraining gemacht hat, weiß, dass das einen schneller macht, aber zwischen nervig, unangenehm und räudig zu laufen ist.

Und dann geht es los, zwanzig Personen laufen die fünf Intervalle am Donaukanal entlang. In einer Woche ist der Marathon, viele hier werden ihn absolvieren. Der eine hofft auf sommerliche Temperaturen, der andere auf kühlere - Körper sind verschieden. Am Boden vor dem Flex und dem Werk liegen zerborstene Glasflaschen.

"Zehn Kilometer reichen"

Es interessieren sich nicht gerade wenige Leute für Marathons

Selbst Julia Mayer, Österreichs schnellste Frau im Straßenlauf über fünf, zehn, Halb- und Marathon, sagt: "Du trainierst recht lange darauf hin, das ist hart." Glücksgefühle, so die 32-Jährige, gebe es beim über die Ziellinie laufen, erzählt sie im LAOLA1-Podcast 'Wir leben Sport'.

Die Trainerin der Early Birds, die sich mit ihr den Namen teilt, sieht die Sachlage anders: "Ich bin zwei Marathons gelaufen, meine Bestzeit ist 3:33. Aber nach zehn Kilometern reicht es für mich eigentlich auch. Das ist die perfekte Distanz."

Anders ist das bei den Männern. Sie machen global gesehen 70 bis 80 Prozent aller Starter eines Marathons aus; vermutlich spielt auch eine Portion – je nach Sichtweise – Draufgängertum oder maßlose Selbstüberschätzung mit.

"Wollte beim Bus-Hinterherlaufen nicht außer Atem kommen"

Ein Spaß ist das lange Laufen nicht immer. Auch nicht für Stars wie Julia Mayer

"Ich laufe seit Juli letzten Jahres", sagt Peter, Typ Electric Callboy, auch 25 Jahre alt, "weil - warum nicht - wenn ich schon Geld für einen Lauf ausgebe, dann dafür." Auch wenn er mit seiner Persönlichkeit heraussticht, sind die Hintergedanken, einen Marathon in rund vier Stunden laufen zu können, sowohl ernst als auch nachvollziehbar: "Ich habe vorher Kraftsport gemacht und wollte beim Bus-Hinterherlaufen nicht außer Atem kommen. Man muss sich auch überwinden, etwas zu machen, das kurzfristig unangenehm, langfristig aber angenehm ist."

Ähnlich ist es bei Lukas, ungefähr gleich alt. Er hat früher Fußball gespielt, Kicker laufen selten gerne, so auch er nicht, er hat Laufen regelrecht "gehasst". Seit vier Jahren betreibt er es regelmäßig, lieber in der Gruppe: "Nur alleine würde ich nicht laufen, zumindest nicht Marathon. Irgendwann hat es sich entwickelt, dass Laufen Spaß gemacht hat, vor allem in der Gruppe." Jetzt peilt er eine ambitionierte Zeit an: "Ich will 3:20 laufen, das ist eine Pace von 4:44."

"... wenn man das so blöd sagen kann"

Aber wer es ins Ziel schafft, der ist glücklich

Eines muss man nämlich wissen: Man kann passionierte Hobbyläufer um drei in der Früh aufwecken und fragen, was die Bestzeit ist und welche Pace sie anpeilen, alle können es sagen. Zugegebenermaßen: Man darf stolz sein. Zwar schafft es so gut wie jeder, der sich 42 Kilometer bewegen will, dies in rund sechs Stunden zu tun; aber vier Stunden können nur 43 Prozent, unter 3:40 nur noch knapp 23.

Robert hat bereits einen in 3:32 absolviert, peilt 2026 eine Zeit von 3:15 an. Nur zehn Prozent schaffen das. Aber es geht um mehr: "Körperliche Fitness ist ein Thema. Aber es ist Ruhe für den Kopf, Ablenkung vom Alltag."

Auch Lukas hat seine Marathons eigentlich genossen, Peter nervt nur die ersten eineinhalb Kilometer beim Laufen, dann geht es. Trainerin Julia bringt es auf den Punkt: "Ich laufe, weil es mir Freude bereitet, ich mich danach gut fühle."

Und dann ist es auch schon vorbei, nachdem sich alle mit Intervallen, Sprints und Co. ausgepowert haben. Am Ende ist es so, dass der Sport nicht nur spottbillig ist, man ihn immer und überall ausführen kann und vor allem einen Gegner hat: sich selbst. Oder wie es die Rekordhalterin sagt: "Du lernst, mit Erfolg und Misserfolg umzugehen, das macht dich zu einem besseren Menschen, wenn man das so ganz blöd sagen kann." Ja, das kann man wohl so sagen. Aber um diese Uhrzeit?

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