Beim Österreichischen Tischtennis-Verband wäre sportlich alles in Ordnung: Mit Sofia Polcanova gibt es ein Aushängeschild, Erfolge im Nachwuchs lassen auf eine gute Zukunft hoffen und erst im Herbst wurde eine Heim-Europameisterschaft über die Bühne gebracht.
Aber seit Monaten beschäftigen die von einigen SpielerInnen erhobenen Vorwürfe der psychischen Gewalt und Vernachlässigung gegen ÖTTV-Präsident Wolfgang Gotschke und Sportdirektor Stefan Fegerl eine interne Untersuchungskommission, Aktive sowie Beschuldigte sowieso.
Nach dem Abschlussbericht der Kommission konnte sich die Präsidentenkonferenz nicht auf eine Ablöse des Duos einigen. Der ÖTTV scheint in zwei Lager aufgeteilt - eine Neuwahl des Vorstands am 30. März soll die Zukunft ausrichten, wird die letzten Monate aber nicht vergessen machen.
Was ist passiert, wie kam es zum Bruch, was wurde (nicht) festgestellt und was sagen die Beteiligten?
LAOLA1 hat mit den beiden Beschuldigten, Spielervertreter Daniel Habesohn und Kommissions-Vorsitz Helmut Jäger gesprochen sowie einen Blick in den Kommissionsbericht geworfen.
Boykott der Heim-EM im Raum
Initiale Grundlage der aktuellen Eskalation: Die Ansicht einiger Aktiver, dass sich die Bedingungen für sie in den letzten Jahren seit dem Amtsantritt Gotschkes und Fegerls Mitte 2021 verschlechterten.
Mehrere Aspekte, vor allem die Sorge um den Standort des Leistungszentrums Stockerau und der Qualität dort führten im Dezember 2023 zu einem Beschwerdebrief an den ÖTTV-Vorstand, eine Zusammenfassung der Anliegen einiger SpielerInnen, mitverfasst von Habesohn. Auch LAOLA1 wird die Kritikpunkte in einem Folgebeitrag noch detaillierter aufarbeiten.
Finalisiert und übermittelt wurde die Beschwerde über David Serdaroglu, damals noch Spielervertreter. Der "korrekte" Kommunikationsweg, weil Habesohn mit seinen vorherigen Schreiben abprallte: "Da wurden mir sogar Konsequenzen angedroht."
Brisant: Die Beschwerde umfasste auch die Überlegung einiger NationalspielerInnen, auf einen Antritt bei der Heim-EM in Linz zu verzichten. "Das war eine Überlegung. Wenn wir dem Verband egal sind, wollten wir auch nicht für die Heim-EM ausgenutzt werden", so Habesohn.
Ein verhängnisvolles Gespräch
Beim Vorstand schrillten die Alarmglocken. "Solche E-Mails bekommen immer wieder mal Füße. Wir waren in Sponsorengesprächen - und es kam die Frage auf, ob wir unsere Spieler nicht im Griff haben", so Gotschke. Auch Fegerl schien irritiert: "Ich kenne den David, das war nicht seine Art zu schreiben."
Das Duo wollte Aufklärung, wer hinter dem Brief stehe und versuchte, Serdaroglu, wie meist telefonisch und per WhatsApp, zu erreichen. Doch der damalige Spielervertreter bat um eine schriftliche Beantwortung des Briefs.
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Gotschke, beruflich in der Südstadt ansässig, und Fegerl, damals regelmäßig zu Besprechungen beim Präsidenten ebenfalls vor Ort, wussten: Der persönliche Weg zu Serdaroglu war kurz, war der Heeressportler bei der Standeskontrolle doch ebenfalls in der Südstadt. Also wurde direkt dort versucht, mit Serdaroglu persönlich in Kontakt zu treten.
"Ich habe mir nichts dabei gedacht, weil ich mit ihm ja gut bin", beteuert der Präsident. Dazu habe Fegerl nicht den Eindruck gewonnen, dass Serdaroglu einem Gespräch abgeneigt wäre.
Aber dieses persönliche Treffen sollte in weiterer Folge zu einem bedeutenden Gegenstand werden.
Anwälte werden miteinbezogen
Es folgte ein etwa halbstündiges Gespräch, die Stimmung schlug um. Fegerl erzählt: "Der Wolfgang hat gemerkt, es ist David sehr unangenehm, er will darüber nicht mehr reden."
Danach sei das Treffen abgebrochen worden. Etwas später habe Serdaroglu aber wieder den Kontakt zu Gotschke gesucht, bat um ein Gespräch, um "reinen Tisch" zu machen. "Er hat gesagt, er kann mit dem Druck nicht mehr umgehen, er will mit dem Ganzen nichts mehr zu tun haben", so die Darstellung Fegerls.
Die Äußerungen dieses Folgegesprächs seien durch den Rechtsanwalt des ÖTTV verschriftlicht und an Serdaroglu gesendet worden. Auch er habe sich danach einen Anwalt genommen und schriftlich seinen Rücktritt als Spielervertreter sowie seine Distanzierung von allen aktuellen Vorgängen erklärt.
Freiwillig oder erzwungen?
Ab da spießen sich die Ansichten. Gotschke und Fegerl pochen auf reine Freiwilligkeit des Vorgehens von Serdaroglu.
"Nach den Gesprächen will David auf einmal nichts mehr mit allem zu tun haben? Das ist ein bisschen komisch, oder?"
"Der Gang zum Juristen war sein Wunsch. Wolfgang und ich können ihn ja nicht dazu zwingen. Noch dazu, wo er außer in seiner Rolle als Spielervertreter keinen Bezug mehr zum ÖTTV hatte", so der Sportdirektor.
Eine Darstellung, die Habesohn nicht glaubt: "Gotschke und Fegerl wollten nichts schriftlich machen und haben das schwächste Glied am Arbeitsplatz quasi abgepasst. Die schriftliche Stellungnahme, um die er bat, wäre ja nicht so schwer gewesen. David wurde im Endeffekt genötigt, zum ÖTTV ins Büro zu kommen und die Nachrichten zwischen uns herzuzeigen. Und nach den Gesprächen will David auf einmal nichts mehr mit allem zu tun haben? Das ist ein bisschen komisch, oder?"
Das Problem: Eine Darstellung der Vorgänge von David Serdaroglu selbst gibt es nicht. Der Ex-Spielervertreter hat sich komplett zurückgezogen, sagte auch nicht vor der Untersuchungskommission aus - obwohl er in der Causa der wohl bedeutendste Zeuge wäre.
Der zweite Beteiligte
Eine weitere beteiligte Person gibt es jedoch: Nationalspieler Andreas Levenko. Auch er war zugegen, als Gotschke und Fegerl initial das Gespräch mit Serdaroglu suchten - soll nach deren Version aber danach frühstücken gegangen sein.
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Nach seiner Darstellung vor der Untersuchungskommission sei er von Fegerl dabei aufgefordert worden, sich vom Athletenbrief zu distanzieren - unter Androhung von Konsequenzen. Aus Angst um seine sportliche Zukunft habe er diesen Schritt schriftlich auch getätigt, nicht ohne schlechtes Gewissen seinen Kollegen gegenüber. Auch, weil er Angst vor Gotschke und Fegerl verspüre.
Diese Distanzierung stütze nach Ansicht Habesohns auch die Version, dass in den persönlichen Begegnungen etwas vorgefallen sein müsse: "Mit normalem Hausverstand würde man schon sagen: 'Warum macht er das? Was ist da vorgefallen?' Man braucht ja nur eins und eins zusammenzählen, dass an der Geschichte etwas nicht stimmen kann."
Außerdem habe Levenko Serdaroglu nach dem Gespräch mit Gotschke und Fegerl beobachtet, "Serda" sei völlig aufgelöst gewesen.
Ein krasser Widerspruch zu der Darstellung Gotschkes und Fegerls, wonach es zum Abschied gar eine Umarmung gegeben habe. Allerdings ein Widerspruch, ohne Serdaroglus persönliche Aussage nicht aufzulösen.
Angst gemacht oder unterstützt?
Von der Behauptung Levenkos vor der Kommission, vor ihm Angst zu haben, zeigt sich Fegerl überrascht.
Den Vorwurf, Levenkos Lebensgrundlage gefährden zu können, weist der Sportdirektor von sich - beim Bundesheer zähle die Leistung, keine Zurufe von außen. Auch sei es nicht im Interesse, eigene Spieler abzuschießen, denn "nur mit den bestmöglichen Erfolgen bekommen wir bei der Bundessport GmbH Förderungen".
Ganz im Gegenteil habe er Levenkos Karriere nach kritischen Zwischenfällen öfter gerettet: "Dass er über die Jahre nie wirklich sanktioniert worden ist, hat er eigentlich mir zu verdanken."
Auch dem Bundesheer gegenüber - von Fegerl durch ein Unterstützungsschreiben für Levenko unterstrichen.
Auch anderweitige Vorwürfe
Der Fall Serdaroglu/Levenko stellt jenen Vorfall dar, der letztlich den Stein um die Untersuchungen ins Rollen brachte. Bei weitem nicht der einzige, aber durch die Involvierung von Anwälten der schwerwiegendste Untersuchungsgegenstand.
Wir konnten aus den Befragungen ableiten, dass die Kommunikation [...] nicht optimal war sowie gewisse Defizite in der sozialen Kompetenz bestanden."
Vor der Untersuchungskommission sagten rund ein Dutzend Personen aus, darunter Gotschke, Fegerl, Habesohn und Levenko, zudem weitere aktuelle und ehemalige ÖTTV-MitarbeiterInnen, SpielerInnen, Trainer und auch der Vater eines Nachwuchsspielers.
Die vorgebrachten Vorwürfe sind vielfältig: Von der Nichteinhaltung abgemachter Kommunikations- und Entscheidungsketten, über mangelhafte Unterstützung wie fehlende PhysiotherapeutInnen, schlechter werdende Trainingsbedingungen und weitere Vorfälle, bei denen auf mündlichem Wege Druck ausgeübt worden sein soll.
Durchgehend geht es dabei um persönlich schwierige Beziehungen, geprägt von "Angst" vor Gotschke und Fegerl - oder vermeintlichen Konsequenzen, die diese ziehen könnten.
Ein unvollständiger Bericht?
Das Problem dadurch: Bei vielen Aspekten steht Aussage gegen (Nicht-)Aussage, fast alles soll sich auf der Ebene verbaler Kommunikation zugetragen haben.
Teilweise konnten die Beschuldigten auch keine Stellung beziehen, da sie mit vielen Punkten vor dem fertigen Bericht der Untersuchungskommission nicht konfrontiert wurden. Dass Andreas Levenko vor ihm Angst habe, sei für Gotschke etwa eine völlig neue Darstellung gewesen.
Außerdem fehlen Befragte, die in vollständigen (Gerichts-)Verfahren sicher Berücksichtigung erfahren hätten. David Serdaroglu sowieso, aber auch die beteiligten Rechtsanwälte in der "Causa" um ihn. Und deren Schriftstücke.
Eine Ansicht, die Habesohn nicht teilt: "Dass gesagt wird, die Untersuchungskommission hätte nur einseitig interviewt, ist lächerlich. Es wurde ja nicht irgendwer befragt, ob er mit der Arbeit von Gotschke und Fegerl zufrieden ist, sondern Betroffene."
Eher Protokoll als Untersuchung
Mittlerweile existiert auch eine schriftliche Gegendarstellung gegen den Endbericht, in der aus Sicht des Vorstands viel entkräftigt werde. Dieser liegt LAOLA1 noch nicht vor.
Eine Feststellung "pickt" aber: "Wir konnten aus den Befragungen ableiten, dass die Kommunikation zwischen Vorstand - speziell Sportdirektor und Präsident - und Spielervertretern, Sportlern und Trainern nicht optimal war sowie gewisse Defizite in der sozialen Kompetenz bestanden", so Helmut Jäger, Vorsitzender der Untersuchungskommission.
Ich war sehr unter Druck und wollte schon bei der Pressekonferenz nach Aufkommen der Vorwürfe sagen können, dass wir eine Untersuchung eingeleitet haben. Interne Personen sind befangen, aber das kann ich nicht mehr revidieren. Das Gegenteil von gut gemeint ist gut gemacht.
Weiters hält er fest: "Es handelt sich vorerst einmal nur um Sachen, die wir aufgrund der Aussagen und der übermittelten Unterlagen niedergeschrieben und in unserem Bericht zusammengefasst haben. Keinesfalls haben wir geprüft, was wir auch nicht konnten, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist. Es könnte auch sein, dass sich alle Anklagenden vorher abgesprochen und auf eine gemeinsame Linie geeinigt haben. Aus unserer persönlichen Sicht erschienen die Aussagen glaubhaft, aber das hat natürlich keinen rechtlichen Bestand."
Das Ziel sei vielmehr gewesen, nach der Aufnahme aller Aussagen Beschuldigte wie Betroffene wieder an einen gemeinsamen Tisch zu bringen und das weitere Vorgehen zu besprechen. Das wurde von SpielerInnenseite aber mit dem Verweis auf die "gefährdende Lage" abgelehnt.
Lediglich einen "runden Tisch" habe es am 3. Jänner dieses Jahres gegeben. Eine Diskussion, die ebenfalls ohne Übereinkünfte blieb: "Da hieß es von Seiten der Anklagenden nur: Gotschke und Fegerl müssen weg", so Jäger.
Eine Nacht-und-Nebel-Kommission
Mit der Lösung einer internen Untersuchungskommission zeigt sich im Nachhinein ohnehin keine der drei Seiten - inklusive der Kommission selbst - so wirklich zufrieden.
Gotschke erklärt die Einsetzung der drei Präsidiumsmitglieder, die die Kommission bildeten, so: "Ich war sehr unter Druck und wollte schon bei der Pressekonferenz nach Aufkommen der Vorwürfe sagen können, dass wir eine Untersuchung eingeleitet haben."
Im Nachhinein auch für den Präsidenten eine schlechte Idee: "Interne Personen sind befangen, aber das kann ich nicht mehr revidieren. Das Gegenteil von gut gemeint ist gut gemacht."
Habesohn vermutet ebenfalls eine Beeinflussbarkeit der Kommissionsmitglieder, sagt aber gleichzeitig: "Dieser Vorschlag ist von Gotschke und Fegerl gekommen, wir haben mit dem nichts zu tun gehabt. Aber jetzt, wo das Ergebnis der Kommission gegen sie spricht, bekritteln sie ihr eigenes Vorgehen?"
Selbst Jäger selbst sagt: "Jeder Landespräsident hat seine eigenen Bestrebungen und Pläne, wie es weitergehen könnte. Das beeinflusst wahrscheinlich auch die Meinungsbildung."
Zumal die drei Mitglieder der Untersuchungskommission in ihren Rollen als Landespräsidenten auch über die Enthebung des aktuellen Vorstands mitentscheiden.
Neuwahl und Gegenkandidat
Insgesamt führte die Konstellation dazu, dass auf Basis des Untersuchungsberichts keine Mehrheit für eine Absetzung von Gotschke und Fegerl in erster Instanz gefunden wurde.
Eine vorgezogene Wahl des Präsidiums soll Klarheit schaffen, wie es weitergeht. Mit Norbert Darabos hat sich schon ein Gegenkandidat zu Wolfgang Gotschke gefunden - auch wenn dessen Kandidatur mit dem Kuriosum beginnt, dass Personen seines Wahlvorschlags nichts davon wussten>>>.
Die Wahl wird von beiden Seiten begrüßt, auch wenn Habesohn nach der Untersuchung schon auf eine Ablöse gehofft hatte. "Wenn auch nur einer von den Beiden bleibt, wäre das für den österreichischen Tischtennis-Sport eine 'Lose-Lose-Situation'. Was vorgefallen ist, kehrt man nicht einfach unter den Tisch."
Sofia Polcanova: Von Borschtsch bis Schnitzel
Er spricht sich klar für Darabos aus, der Liu Jia als Sportdirektorin mitbringen will. Auch die ohnehin wenig konkrete Idee einer eigenen Kandidatur Habesohns als Sportdirektor, die natürlich ein "Gschmäckle" gehabt hätte, ist damit komplett vom Tisch: "Ich bin Sportler und habe einen anderen Job."
Gotschke ist zuversichtlich, zumindest die Unruhe im Verband durch die Wahl beilegen zu können - und im Amt zu bleiben: "In einer demokratischen Wahl haben alle ihr Stimmrecht. Und wenn man sich die Fortschritte im Verband ansieht, läuft es ja gut."
Fliegen Spieler raus?
Bleiben Gotschke und Fegerl, könnte es zu Trennungen von SpielerInnen kommen, denkt zumindest Jäger. Das Tischtuch zwischen dem aktuellen Vorstand und einigen SpielerInnen ist zerschnitten.
Der Sportdirektor verweist dabei auf einen anstehenden Generationenwechsel, nachkommende NachwuchsspielerInnen würden nachdrängen. Aber seine Hand bleibe auch gegenüber jenen SpielerInnen, die nun Vorwürfe erhoben, "ausgestreckt".
Und Sponsoren, die von den letzten Monaten abgeschreckt wurden? "Die wird man immer gewinnen oder verlieren", ist Gotschke überzeugt, neue Partnerschaften knüpfen zu können.
Es könnte auch ein gerichtliches Nachspiel geben
Egal, in wessen Richtung das Pendel bei der Wahl wirklich ausschlägt: Einen Schlussstrich wird der 30. März nicht darstellen. Beide Seiten wollen weder bestätigen noch verneinen, gegebenenfalls eine gerichtliche Auseinandersetzung in Erwägung zu ziehen.
"Wenn man meinen Namen googelt, steht der jetzt in Verbindung zu psychischer Gewalt. Schön ist das nicht", so Gotschke. "Ich bin hundertprozentig sicher, dass ich jedes Gerichtsverfahren wegen übler Nachrede gewinnen würde."
Und Habesohn meint stellvertretend für die SpielerInnen: "Das ist sicher vorstellbar. Wir haben gedacht, dass die Untersuchungskommission angesetzt war, um eine Klärung zu bringen. Das ist scheinbar nicht der Fall. Also müssen wir gegebenenfalls überlegen, einen weiteren Schritt zu setzen."
Beide Seiten sind der festen Überzeugung, ihre Darstellungen ausreichend belegen zu können. Auch schriftlich. Und damit handfester, als es in der Untersuchungskommission geschah.
Offen bleibt, ob die "Lose-Lose-Situation" überhaupt noch irgendwie abzuwenden ist.