"Rookies" haben es in Sport-Teams nicht immer leicht.
In so mancher Fußball-Mannschaft stehen wilde Mutproben, schmerzhafte Einstandsrituale oder niedere Dienstleistungsaufgaben auf dem Programm.
Gar so schlimm ist es im österreichischen Billie-Jean-King-Cup-Team nicht.
"Ich bin sehr nett aufgenommen werden. Sie haben mir nur den Spitznamen 'Bambi' verpasst", erinnert sich Tamara Kostic im Gespräch mit LAOLA1 lachend an ihr Debüt im ÖTV-Team zurück.
Vom "Bambi" zum "Routinier"
Die 19-jährige Wienerin vertritt in der kommenden Woche in Vilnius mittlerweile zum bereits vierten Mal die rot-weiß-roten Farben.
Und gehört damit bereits zu den Routiniers, wenn Österreichs Tennis-Frauen von 8. bis 12. April um den Klassenerhalt in der Euro-Afrika-Zone kämpfen.
Denn neben Kostic hat nur die österreichische Nummer eins Julia Grabher bereits Billie-Jean-Cup-Erfahrung. Mit Arabella Koller (WTA-600.), Mavie Österreicher (WTA-976.) und Ekaterina Perelygina (WTA-1008.) finden sich gleich drei Debütantinnen im ÖTV-Team von ÖTV-Kapitänin Marion Maruska.
Tamira Paszek musste wegen einer Grippe-Erkrankung absagen, Österreichs Nummer eins Sinja Kraus hat ebenso wie Top-Talent Lilli Tagger aufgrund der ungünstigen Terminisierung abgesagt. Während nämlich auf der WTA-Tour bereits auf europäischen Sandplätzen Weltranglisten-Punkten nachgejagt wird, steigen die Länderkämpfe in Vilnius auf Hartplatz.
Kostic spielt gerne auf Hartplatz
"Das mit dem Bambi hat sich damit wohl erledigt", grinst Kostic, die voraussichtlich hinter Grabher die zweite Einzel-Spielerin in Litauen sein wird.
Der verspätete Wechsel auf Sand stört die Wienerin nicht. "Ich spiele eh lieber auf Hartplatz. Und der Billie Jean King Cup ist immer eine gute Gelegenheit, gegen starke Spielerinnen antreten zu können."
Womit wir auch schon bei einem heiklen Thema im österreichischen Frauen-Tennis wären: Der fehlenden Dichte. Ein regelmäßiges Kräftemessen mit Top-Spielerinnen ist für heimische Nachwuchs-Hoffnungen nicht so leicht möglich. Aktuell sind gerade einmal elf Österreicherinnen im WTA-Ranking vertreten.
Kostic beklagt fehlende Dichte im heimischen Frauen-Tennis
"Es sollte mehr Frauen geben, die sich im Profi-Tennis versuchen", findet Kostic schade.
Während in den 90er Jahren und Anfang der 2000er zahlreiche österreichische Tennis-Spielerinnen wie Babsi Schett, Babsi Paulus, Judith Wiesner, Sybille Bammer und viele mehr teilweise bis in die Top 10 vordrangen, herrschte im vergangenen Jahrzehnt großteils Ebbe.
Julia Grabher beendete vor zwei Jahren eine über siebenjährige Durststrecke, in der keine ÖTV-Spielerin in den Top 100 stand.
Keine heimischen Vorbilder für die Kinder
Als Vorbild hatte Kostic in ihrer Kindheit und Jugendzeit demnach mit der ehemaligen Weltranglisten-Ersten Simona Halep auch eine Rumänin. Eine österreichische Spielerin konnte sie selbst auf Nachfrage nicht nennen.
Kein Wunder, selbst bei den beiden Wimbledon-Viertelfinal-Einzügen von ÖTV-Kollegin Paszek in den Jahren 2011 und 2012 war Kostic gerade einmal sechs Jahre alt.
Die Wienerin ist davon überzeugt, dass es leichter wäre, wenn es mehr heimische Profis geben würde, da sich diese gegenseitig nach oben pushen könnten.
"Das motiviert ja auch, wenn es viele gute Spielerinnen gibt, weil man sich dann mit denen messen und selbst einmal so gut spielen will und vielleicht sogar einmal besser werden kann. Deshalb finde ich es schon wichtig, dass man eine Konkurrenz im eigenen Land hat.
Neidischer Blick nach Tschechien
"In anderen Ländern ist das besser. In Tschechien gibt es beispielsweise sehr viele gute junge Spielerinnen und das motiviert die auch, wenn sie gegeneinander spielen. Jede will die Bessere sein und sie pushen sich gegenseitig hoch. Das ist in Österreich natürlich schwierig, wenn es nicht mehr so viele Spielerinnen gibt. Früher war das sicher besser."
Ein Umstand, der sich auch auf den täglichen Trainings-Alltag auswirkt. "Es ist schwierig, gute Sparring-Partner zu finden. Wir fahren öfters ins Ausland nach Bratislava in eine Akademie. Da kennen wir den Trainer ganz gut und da gibt es ein paar gute Spielerinnen mit denen ich trainiere. Wenn ich in Wien trainiere, trainiere ich mit ein paar Jungs. Es ist schwer, jemanden zu finden, aber wir versuchen, das Beste daraus zu machen."
Seit fünf Jahren bei Coach Niedhart
Mit "wir" meint Kostic sich selbst und Coach Christoph Niedhart, der sich seit fünf Jahren um die sportliche Weiterentwicklung der jungen Wienerin kümmert.
Ich wollte dann auch immer mit meinem Vater mit irgendwelchen Luftballon-Schlägern herumspielen. Da haben meine Eltern schnell erkannt, dass ich mich für Tennis interessieren könnte.
Haupttrainingsstützpunkt ist der Tennisklub La Ville, wo auch das W75-Turnier über die Bühne geht. Davor lernte sie ihr Grundgerüst bei Günter Bresnik in der Südstadt: "Ich bin mit elf Jahren zu Günter gekommen und bin dann mit 14, 15 gewechselt. Das Konzept von Christoph hat mich einfach angesprochen", erklärt Kostic ihre damalige Entscheidung.
Zum Tennis sei sie in ihrer Kindheit eher zufällig gekommen. "Als ich früher im Fernsehen Tennis gesehen habe, habe ich mich immer gleich vor den Fernseher gesetzt. Ich wollte dann auch immer mit meinem Vater mit irgendwelchen Luftballon-Schlägern herumspielen. Da haben meine Eltern schnell erkannt, dass ich mich für Tennis interessieren könnte. Meine Mama war am Anfang ein bisschen dagegen", lacht Kostic.
Tennis-Turnier statt Schulalltag
"Mit sechseinhalb Jahren habe ich dann in einer Gruppe angefangen. Als ich U9-Turniere gespielt habe, hatte ich das Glück, dass ich Leute kennengelernt habe, die mir geholfen haben. Es war am Anfang ja gar nicht das Ziel, einmal Tennisprofi zu werden. Das ist dann einfach so entstanden und ich bin sehr glücklich darüber."
Der Weg dorthin war allerdings alles andere als leicht. "Als ich in die Schule ging, war es für meine Klassenkameraden sehr ungewöhnlich, dass ich immer wieder zu Turnieren gefahren bin. Sie haben mir das glaube ich auch gar nicht geglaubt", grinst Kostic über das Los des Jugend-Tennis-Spielers, einige Schultage auf einer Tennisanlage verbringen zu müssen.
"Es war sicher sehr ungewöhnlich, dass ich mich da so reintigere und soviel trainiere. Sie haben das nach einiger Zeit dann aber auch cool gefunden. Es ist aber nicht leicht, weil es schon ein ziemlicher Stress und mental auch sehr anstrengend ist", so Kostic, die diesen Weg "wohl aus Liebe zum Sport" auf sich genommen habe.
Kostic peilt Sprung in die Top 100 an
Einen ordentlich Anteil dieser Strecke hat die Wienerin zwar bereits zurückgelegt, sie hofft aber natürlich auch, dass sie diesen Weg noch weit verfolgen wird können. Derzeit ist sie knapp außerhalb der Top 500 klassiert.
"In dieser Saison will ich mein Ranking halbieren. Ich will 2026 bei den Grand-Slam-Qualifikationen dabei sein", so Kostic, die es dafür wohl in die ersten 230 schaffen muss. Danach peilt sie die Top 100 als nächsten Meilenstein an. "Das ist ein realistisches Ziel", ist sie von ihrem Potenzial überzeugt.
Beeindruckende Entwicklung von Tagger
Auftrieb gibt ihr auch die beeindruckende Entwicklung von Landsfrau Lilli Tagger. Die 17-jährige Lienzerin schlug bereits Top-200-Spielerinnen und scheint unter Trainerin Francesca Schiavone unaufhaltsam nach oben zu streben.
"Ich kenne Lilli schon länger. Sie hat sich natürlich sehr gut entwickelt. Das hat sicherlich auch viel mit ihrem Trainingsumfeld zu tun, wo sie sich wirklich auf sich fokussieren kann und ihre Ziele erreichen kann. Sie hat sich sehr verbessert. Das pusht mich natürlich auch selbst an!"