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Jahr 1 nach Thiem: Österreichs Tennis am Scheideweg?

Neue Stars werden dringend gesucht. Doch es fehlt an der Breite. Scheitert's schon ganz früh im Schulsport?

Jahr 1 nach Thiem: Österreichs Tennis am Scheideweg? Foto: © GEPA

Wir befinden uns im Jahr 1 nach Dominic Thiem.

Das österreichische Tennis befindet sich in einer Umbruchphase.

Aktuell steht sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen kein einziger Spieler bzw. keine einzige Spielerin in den Top 100.

Ein Umstand, der nicht nur für die Gegenwart wenig zufriedenstellend ist, sondern vor allem eine große Gefahr für die Zukunft des heimischen Tennis-Sports bedeutet. 

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Fehlende Vorbilder ein Problem für den Breitensport

Denn fehlende Vorbilder wirken sich in der Nachwuchsarbeit zwangsläufig vor allem in der Breite aus. Das weiß auch der österreichische Tennis-Verband.

"Natürlich hast du im Sport das Problem, wenn dir der eine Führungsspieler ganz vorne fehlt", ist sich ÖTV-Sportdirektor Jürgen Melzer der großen Herausforderung in diesen Tagen bewusst.

"In dieser Situation sind wir jetzt nun mal, das wird sich in den nächsten sechs Monaten auch nicht ändern. So realistisch muss man sein."

ÖTV-Hoffnungen ruhen auf wenigen Schultern

Sebastian Ofner feierte in dieser Woche nach halbjähriger Verletzungspause sein Comeback auf Challenger-Tour. Der ehemalige Weltranglisten-37. wird aber sicher noch einige Zeit benötigen, um zurück zu alter Stärke finden zu können. Lukas Neumayer, Jurij Rodionov und Filip Misolic kämpfen derzeit um die Etablierung in den Top 200.

Hinzu kommt Nachwuchs-Hoffnung Joel Schwärzler. Der 19-jährige Vorarlberger befindet sich derzeit immer noch in der schwierigen Umstellung vom Weltklasse-Junioren-Tennis auf die Erwachsenen-Tour.

"Diesen Weg darf man nicht unterschätzen", zeigt Melzer, der bis vergangenen Herbst Trainer Schwärzlers war, Verständnis für dessen noch fehlende Konstanz. "Er ist noch nicht da, wo es sich manche erhofft haben. Da sieht man aber auch, dass die Dichte im Tennis groß ist. Wenn du da nicht jedes Mal zumindest auf deine 80, 90 Prozent kommst, dann gewinnst du das einfach nicht."

Bei den Frauen zeigte zuletzt Sinja Kraus auf. Die 22-jährige Wienerin ist aktuell die Nummer 163 der Welt und nähert sich kontinuierlich den Top 100 an. Julia Grabher, die vor ihrer Handgelenksverletzung schon an den Top 50 kratzte, kämpft nach ihrer langen Pause immer noch um den Anschluss.

Ansonsten liegen die Hoffnungen vor allem auf der erst 17-jährigen Lilli Tagger, die in Mailand bei Ex-Paris-Siegerin Francesca Schiavone trainiert, mit Sicherheit aber ebenfalls noch einige Zeit benötigen wird, um hoffentlich einmal den Sprung in Spitze zu schaffen. Vor Kurzem feierte der Teenager ihren ersten ITF-Titel und trat damit in dei Fußstapfen von Tamira Paszek >>>

Zu wenige Spieler rücken nach

Melzer: "Da werden wir Geduld haben müssen. Wir können nur schauen, dass wir unsere Hausaufgaben machen. Wir müssen junge Spieler von unten aufbauen und diese besser machen. Wir wollen in der Südstadt ein gutes Umfeld bieten und mit den anderen Akademien eine gute Zusammenarbeit aufbauen."

Ziel müsse es sein, "eine bessere Breite von unten zu bekommen. Das ist das, was uns am meisten fehlt. Wir haben in jedem Jahrgang immer nur ein, zwei Spieler, die vielleicht das Zeug dazu hätten."

Zu wenig Sport in Österreichs Schulen

Ein Problem, das laut Melzer weniger mit dem heimischen Tennis zu tun habe habe, sondern vielmehr mit dem Stellenwert des Sports in Österreich.

In anderen Ländern gibt’s einfach mehr Sportlerinnen und Sportler in den jungen Jahren. Das ist kein allgemeines Tennis-Problem, sondern ein allgemeines Österreich-Problem – wir haben einfach sehr wenig junge Sportler in unserem Land.

Melzer beklagt fehlenden Stellenwert des Sports in Österreich

"In anderen Ländern gibt’s einfach mehr Sportlerinnen und Sportler in den jungen Jahren. Das ist kein allgemeines Tennis-Problem, sondern ein allgemeines Österreich-Problem – wir haben einfach sehr wenig junge Sportler in unserem Land. Die Kinder und Jugendliche müssten mehr Sport machen", fordert Melzer, selbst Vater eines achtjährigen Sohnes, nicht zum ersten Mal.

Der Niederösterreicher hofft diesbezüglich auf die neue Bundesregierung. "Vielleicht findet wieder ein Umdenken statt. Ich begrüße es sehr, dass jetzt zum Beispiel ein Handy-Verbot kommt", sagt Melzer, der sich auch dafür einsetzt, dass "in den Turnstunden ausgebildete Sportlehrer" kommen sollten.

Zudem vermisse er die polysportive Ausbildung an den Schulen. "Du musst Angst haben, wenn ein Kind auf einen Baum klettert. Das finde ich so schade. Dass das nicht das Problem aller Lösungen ist, ist mir schon bewusst, es wäre aber einmal ein Anfang."

Hoffen auf neue Regierung

Für den Sport zuständig sind in den kommenden Jahren Vize-Kanzler Andreas Babler und Staatssekretärin Michaela Schmidt. Bei beiden ist der Sport aber nur ein Teilgebiet ihrer Aufgaben. Angeführt ist er bei den "Job Descriptions" von Babler und Schmidt jeweils hinter Kunst, Kultur und dem öffentlichen Dienst.

Ein Umstand, der aufgrund der Lehren der Vergangenheit leider Böses erahnen lässt. Denn laut Melzer sei "den meisten Politiker schon bewusst", dass der Sport sehr wichtig wäre. Oft sei der Sport aber "nur ein Anhängsel". Die Verantwortung würde immer wieder zwischen den Ministerien hin und hergeschoben werden.

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"Solange wir kein eigenes Sportministerium bekommen, ist es glaub ich schwer", so Melzer, der diesbezüglich auch Rückenwind von ÖTV-Vizepräsident Gregor Blumauer erhält.

"Es gibt ein strukturelles Problem. Oft überschneiden sich die Kompetenzen und keiner weiß, ob in manchen Dingen das Land oder der Bund dafür zuständig sind", erklärt der frühere Davis-Cup-Spieler und heutige in Wien und New York tätige Rechtsanwalt.

"Beispielsweise hat sich zuletzt die Frage gestellt, wer dafür zuständig ist, dass man Hallen ab 18 Uhr öffnen darf und wer für die Abwicklung verantwortlich ist. Und bevor so etwas geklärt wird, ist schon wieder die nächste Regierung im Amt und es geht von vorne los."

Schwierige finanzielle Zeiten

Verständnis zeigen Melzer und Blumauer sowie ÖTV-Geschäftsführer Thomas Schweda freilich auch gegenüber der Politik. Wunderdinge dürfe man sich in Zeiten wie diesen nicht erwarten. Blumauer: "Ich habe schon das grundlegende Verständnis, dass in der aktuellen Situation der Sport nicht die primäre Aufmerksamkeit genießt."

"Die wirtschaftliche Situation ist nicht leicht", weiß Schweda, der sich umso mehr freut, dass er trotzdem auf viele positive Zahlen verweisen darf. Erstmals wird es heuer über 200.000 angemeldete Mitglieder in den 1.750 Tennis-Vereinen Österreichs geben. "Das bestätigt uns, dass wir im Breitensport auf dem richtigen Weg sind."

Außerdem verweist er auf den Mehrwert des Tennis-Sports auf wirtschaftlicher Ebene. Laut einer vor vier Jahren in Auftrag gegebenen Studie erzielt der Tennissport in Österreich jährlich um die 680 Millionen Euro Wertschöpfung. Über 100 Millionen erspart sich das österreichische Gesundheitssystem nur dank dem Tennis-Sport.

Alleine diese Zahlen unterstreichen, wie wichtig es wäre, noch mehr Menschen in Österreich auf die heimischen Tennisplätze bringen zu können. Im Idealfall bildet sich aus Breiten- und Spitzensport ein Kreislauf, der sich aus sich selbst nährt und weiterentwickelt.

Erste Warnlampen bei den Burschen

Von diesem Zustand sind wir vor allem bei den Tennis-Frauen weit entfernt und selbst bei den Burschen leuchten bereits die ersten Warnlampen. Seit den starken Jahrgängen 2012 und 2013 gibt es bei den Teilnehmer-Zahlen bei Landesmeisterschaften und größeren Nachwuchs-Events von Jahr zu Jahr kontinuierlich leichte Rückgänge zu vermelden. Es handelt sich dabei um eine Generation, die die großen Erfolge von Dominic Thiem bereits nicht mehr miterleben konnte. Dementsprechend fehlte vielen Kindern der große Star, dem es nachzueifern galt.

Wie schnell es gehen kann, wenn an der Spitze die Führungsspieler fehlen, zeigte sich in den letzten Jahren im rot-weiß-roten Frauen-Tennis. Auf die Frage nach ihren Vorbildern nannte die 19-jährige Billie-Jean-King-Cup-Spielerin Tamara Kostic allen voran die rumänische Weltklasse-Spielerin Simona Halep.

Eine österreichische Athletin konnte sie trotz der vermeintlich großen Tradition rot-weiß-roter Tennis-Spielerinnen nicht nennen. Kein Wunder, schließlich sind Kostic, aufgrund ihres Alters, Stars wie Babsi Schett, Sybille Bammer, Babsi Paulus, Judith Wiesner und viele andere nur aus alten Youtube-Clips bekannt. Selbst bei den beiden Wimbledon-Viertelfinal-Einzügen von ÖTV-Kollegin Tamira Paszek in den Jahren 2011 und 2012 war die Wienerin noch zu jung, um sie bewusst mitzuerleben (Kostic: "Das ist in anderen Ländern besser">>>).

Bei den ÖTV-Frauen gab es in diesem Zeitraum eine siebeneinhalbjährige Lücke ohne Top-100-Spielerin. Ein derartiges Schicksal bleibt uns bei den Männern hoffentlich erspart.


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