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Sumann: "Wir müssen vor der eigenen Haustüre kehren"

Der Neo-Biathlon-Chef des ÖSV will das Feuer neu entfachen, Ausreden reduzieren, das Materialproblem in den Griff bekommen und Lisa Hauser "heimholen".

Sumann: Foto: © GEPA

Ob neue Besen gemeinhin wirklich besser kehren, darüber kann man trefflich streiten. Was aber außer Diskussion steht, ist die Tatsache, dass es in Österreichs Biathlon - insbesondere natürlich bei den Männern - neuen Schwung braucht.

Das sah man auch beim ÖSV so, über den Umbruch ist ausreichend gesagt und geschrieben worden. Seit Mittwoch ist mit Christoph Sumann auch der Nachfolger von Franz Berger als Spartenchef in Amt und Würden.

Seine Verpflichtung hatte sich bereits abgezeichnet, der 49-Jährige tat auch öffentlich sein Interesse an der Position kund.

Auch Athleten nun in der Pflicht

Sumann steht für eine offene, gewinnende und authentische Art. Er nennt das Kind gerne beim Namen und vor allem brennt er für seine neue Aufgabe. Im Gespräch mit LAOLA1 wird sein großer Ehrgeiz deutlich, er will etwas verändern. Allesamt Eigenschaften, welche es im ÖSV-Biathlon derzeit durchaus braucht.

"Ich glaube, man muss das große Ganze hinterfragen. Nicht nur den Betreuerstab und das Trainingssystem, sondern auch die Athleten. Sie muss man auch in die Pflicht nehmen", sagt der 49-Jährige.

"Woher sollst du jetzt jemanden nehmen, ein Jahr vor Olympia? Wenn einer jetzt am Markt ist, muss man sich die Frage stellen, warum."

Sumann über die nicht einfache Suche nach einem neuen Männer-Cheftrainer

Seine erste große Aufgabe wird es sein, einen neuen Männer-Cheftrainer zu benennen. Das hat auch für ihn selbst oberste Priorität: "Da muss Klarheit herrschen." Denn die Pause ist kurz, der Trainingsauftakt steigt schon am 1. Mai.

Das wird allerdings nicht leicht, nicht nur, weil die Zeit drängt. Denn die Olympia-Saison wartet, ergo ist die Auswahl an hochqualitativen Trainern rar. Jene aus dem obersten Regal sind zehn Monate vor den Spielen freilich nicht verfügbar, auch in den Kategorien darunter ist die Auswahl dünn.

"Woher sollst du jetzt jemanden nehmen, ein Jahr vor Olympia? Wenn einer jetzt am Markt ist, muss man sich die Frage stellen, warum", weiß auch Sumann.

Führt Gredler die Männer zu Olympia?

Sollte es keine externe Lösung werden - was derzeit laut LAOLA1-Informationen die unwahrscheinlichere Option ist -, bleibt die Möglichkeit, die Position mit einem internen Kandidaten, zumindest als Übergangslösung für die Olympia-Saison, zu besetzen.

Da läge Ludwig "Luggi" Gredler auf der Hand, bis zuletzt Co-Trainer von Vegard Bitnes. Schon seit der Saison 2014/15 bekleidete er unter den Vorgängern des Norwegers diese Funktion und könnte nun den Schritt zum Chefcoach antreten.

Männer-Cheftrainer Bitnes musste gehen, sein Nachfolger wird in den kommenden Wochen bestimmt
Foto: © GEPA

Sumann meint, man könnte aber auch einen "ganz eigenen Weg gehen" und holt "einen jungen, unerfahrenen aus den eigenen Reihen und geht ein bisschen ein Risiko ein".

Momentan sei dahingehend aber noch nichts entschieden, der Neo-Spartenchef will sich zuerst ein Bild machen. "Momentan ist alles eine Option, ich werde jetzt einige Gespräche führen", so Sumann.

Langfristig ist der Blick natürlich bereits auf die Heim-WM 2028 in Hochfilzen gerichtet, spätestens da soll das Männer-Team wieder so dastehen, dass man in der Nationenwertung wieder Anschluss an die Top sechs gefunden hat, wie ÖSV-Sportdirektor Mario Stecher betont.

Die vergangene Saison schloss man nur auf Rang elf ab, verlor dadurch einen Weltcup-Startplatz und hat nur noch deren vier zur Verfügung.

Enger zusammenrücken

Was das Team um ihn angeht, plant Sumann, das "Wir-Gefühl" zu stärken, wie er es nennt. Es soll nicht länger in Abteilungen gedacht werden. "Mein Ziel ist: Ich möchte rund um mich eine funktionierende Mannschaft haben. Athleten, Athletinnen, Service, Trainerstab - das soll ein Ganzes sein", erklärt er.

"Die Köpfe müssen wieder raus aus dem Sand und wir müssen weniger jammern."

Christoph Sumann

Er wünsche sich, dass das Feuer neu entfacht wird und "wir das abhaken, was war. Die Köpfe müssen wieder raus aus dem Sand und wir müssen weniger jammern", geht er auch auf einen wesentlichen Punkt ein, welcher vergangene Saison hervorstach.

Es kam immer wieder vor, dass schwaches Abschneiden auf die Umstände zurückgeführt wurde. Das war zwar oftmals tatsächlich so, man bekam aber den Eindruck, dass ein gewisser "Dominoeffekt" entstand und man da und dort dazu tendierte, sich hinter derlei Begründungen zu verstecken.

"Hat der Athlet alles gegeben, um Erfolg zu haben? Wurde vielleicht auch viel gejammert? Wurden viele Ausreden gesucht? Wurde viel auf den Ski geschoben?", nennt Sumann wesentliche Fragen, die es sich zu stellen gilt.

Materialproblem? Ja, aber...

Stichwort Ski: Dass man im ÖSV-Biathlon ein Materialproblem hat, war vergangene Saison offensichtlich. Das dürfe aber nicht als "Standard-Ausrede" herangezogen werden.

Zuerst müsse jede und jeder den Fehler bei sich selbst suchen: "Wir müssen vor der eigenen Haustüre kehren", fordert Sumann und fügt an: "Ich muss mein Rennen so ehrlich wie möglich analysieren, bevor ich jemand anders die Schuld gebe."

Die Material-Situation verbesserte sich aber immerhin im Laufe der Saison. Je weicher und nasser es wurde, umso besser fand man die Abstimmung.

Das reicht aber natürlich nicht, Österreich sollte beim Material möglichst konstant an den Top-Nationen dran sein. "Natürlich wird der Schnee im Laufe der Saison immer nasser, aber wir können ja nicht erst im Februar einsteigen", teilt auch der Neo-Spartenchef diese Ansicht.

Läuferisch muss man sich speziell bei den Männern, Materialproblem hin oder her, verbessern. Diese Ansicht teilt auch Sumann, "das Läuferische" müsse "wieder in den Vordergrund" rücken, sagt er bei seiner Präsentation am Donnerstag. "Das fordere ich ein".

Denn dass der 42-jährige Simon Eder in vielen Rennen in der Loipe der schnellste Österreicher war, kann bei allem Respekt vor dem Routinier, nicht der Anspruch aller anderen sein. Immerhin hat man mit Fabian Müllauer einen hoffnungsvollen Youngster in der Hand, der auch in der Loipe seine Stärken hat.

Frauen auch für Sumann die große Hoffnung auf Erfolge

Im Frauen-Team wird es tendenziell weniger Veränderungen geben, dieses befindet sich auf einem deutlich besseren Weg, als jenes der Männer. Bei den Loipenjägerinnen wolle man bereits in der kommenden Olympia-Saison um Medaillen mitlaufen, erklärte Sumann im Rahmen seiner Präsentation in Innsbruck.

Anna Andexer mauserte sich zum Shootingstar im ÖSV-Team, der 22-Jährigen gegenüber will Sumann die Erwartungen aber nicht in den Himmel wachsen lassen.

Sie sei auf einem "super Weg". Man dürfe aber "nicht den Fehler machen zu sagen, dass es nur eine Frage der Zeit ist und dass sie ohnehin ein Superstar wird. Es werden Rückschläge kommen und es werden Fehler passieren", fordert er Geduld.

Sumann wünscht sich, dass Hauser wieder beim ÖSV trainiert
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Andexer habe auch "das richtige Mindest". Die Zukunftshoffnung bringe alles mit, außerdem habe sie "den Willen, sich den Rest über das Talent hinweg zu erarbeiten".

Mit Anna Gandler verfügt man über eine Athletin mit ähnlich großem Potenzial, die 24-Jährige hat aber eine von Krankheiten gezeichnete Saison hinter sich, die sie deswegen auch verfrüht beenden musste.

Hauser soll "heimkehren"

Bei Lisa Hauser ging der Trend heuer wieder nach oben, sie kratzte mehrmals am Stockerl.

"Ein wenig fehlt noch für ganz vorne, die letzte Entschlossenheit, die Null sichern und dann auch noch die Schlussrunde drauf. Aber sie ist auf einem guten Weg, um wieder aus eigener Kraft in jedem Wettkampf ganz vorne mitmischen zu können", freut sich auch Sumann.

Der 49-Jährige will die Tirolerin, die ihre letztjährige Vorbereitung fast komplett in einer Schweizer Trainingsgruppe absolvierte, auch überzeugen, in den Schoß der "ÖSV-Trainings-Familie" zurückzukehren. Er werde mit Hauser diesbezüglich ein Gespräch führen. "Ich hätte sie schon gerne in der Mannschaft", wünscht sich Sumann.

Sonderbehandlungen in Sachen Training sollen nämlich der Vergangenheit angehören. "Grundsätzlich haben wir im Verband schon die Einstellung, dass wir voraussetzen, dass die Leute in der Mannschaft trainieren", stellt er klar, man könne aber dennoch niemanden zwingen, auch Hauser nicht.

"Lisa hat ihren Sonderstatus, sie ist Weltmeisterin. Da hat man einen Bonus", hält er fest.

Für die Wunder fehlt der Zauberstab

Auf Neo-Sportchef Sumann wartet also jede Menge Arbeit, um Österreichs Biathlon zunächst Olympia- und schließlich Heim-WM-fit zu machen. Österreichs erfolgreichster Weltcup-Starter ist motiviert, ehrgeizig und kann genau dadurch für den notwendigen neuen Schwung sorgen.

Man darf erwarten, dass mit dem neuen Besen nun kräftig durchgekehrt wird, wenngleich Sumann betont, dass er "keine Wunder vollbringen" könne. Dafür müsste er den Besen gegen einen Zauberstab tauschen.



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